Nachstehend berichtet Univ.-Prof. Dr. Michael Frass über den Rückzug der Studie nach Veröffentlichung im Journal The Oncologist, den weiteren Verlauf und die neuerliche Publikation im September 2026 im Fachjournal Supportive Care in Cancer.
Zuerst die Story des Rückzugs:
Nachdem nach zweijähriger genauester Überprüfung die Gültigkeit unserer Daten im September 2024 bestätigt worden war, erhielt ich überraschend am 29. Juli 2025 mitten im Urlaub eine E-Mail von Frau Prof. Susan Bates, der Herausgeberin des Journals TheOncologist. Nachstehend die deutsche Übersetzung dieser Email:
„Auf Anregung des Committee on Publication Ethics (COPE) hatte ich ein informatives Treffen mit Vertretern der Medizinischen Universität Wien und der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) bezüglich ihrer anhaltenden Bedenken zu Ihrem Artikel „Homöopathische Behandlung als Zusatztherapie kann die Lebensqualität verbessern und das Überleben von Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs verlängern: Eine prospektive, randomisierte, placebokontrollierte, doppelblinde, dreiarmige, multizentrische Studie”.
Bei dem Treffen wurden die folgenden Fragen aufgeworfen, auf die ich Sie um Antwort bitten möchte:
1) Umfasste Ihre randomisierte kontrollierte Studie Teilnehmer, die ursprünglich in Ihrer einarmigen Studie eingeschlossen waren? Wenn ja, könnten Sie bitte angeben, wie viele Patienten in den einarmigen Teil der Studie eingeschlossen waren und wie dies bei Beginn des randomisierten Teils der Studie gehandhabt wurde?
2) Können Sie bitte die spezifischen homöopathischen Präparate offenlegen, die in Ihrer Studie verwendet wurden, einschließlich ihrer Potenz und Dosierungsschemata? Wenn diese je nach Patient oder Gruppe variierten, wie wurden diese Variationen bestimmt und aufgezeichnet?
3) Haben Sie zum Zeitpunkt der Einreichung und Veröffentlichung Ihrer Studie in The Oncologist auch Patienten in Ihrer Privatpraxis dieselben homöopathischen Präparate empfohlen oder verschrieben?
Bitte beantworten Sie diese Fragen bis spätestens 1. August. Sollten Sie bis dahin nicht antworten oder keine zufriedenstellenden Erklärungen liefern können, sehe ich mich gezwungen, den Artikel zurückzuziehen.“
Ich wurde gebeten, innerhalb von 3 (drei!) Tagen zu antworten, da der Artikel sonst zurückgezogen würde. Ich beantwortete das Ultimatum innerhalb von 2 Tagen. Bis heute verstehe ich nicht, was mit „einarmiger Studie” gemeint ist, da ich als Kliniker immer 2 Gruppen vergleiche. Ich war auch überrascht über die Frage nach der Verwendung von homöopathischen Arzneimitteln (HMPs) in meiner Privatpraxis.
Auch nach dem Versenden einer weiteren E-Mail erhielt ich etwa 2,5 Monate lang keine Antwort. Plötzlich erhielt ich eine E-Mail vom 24. Oktober 2025, in der mir mitgeteilt wurde, dass die Rücknahme nun bestätigt worden sei. Als Grund wurde angegeben, dass die Studie aufgrund ihres individualisierenden Charakters möglicherweise nicht reproduzierbar sei. Natürlich wäre sie das, da mehrere hundert österreichische Ärzte in den jeweiligen Gesellschaften bis heute UND StudentInnen an der Medizinischen Universität Wien bis 2018 in klassischer Homöopathie ausgebildet worden waren. Abgesehen davon, dass keine/r der AutorInnen jemals homöopathische Arzneimittel an den jeweiligen Kliniken „vermarktet“ hat, ist die Annahme, dass bei einem Preis von etwa 15 € pro Fläschchen ein Interessenkonflikt besteht, erscheint lächerlich. Weder ich noch einer der MitautorInnen hat jemals eine Provision von der Apotheke erhalten, im Gegenteil, die Studienmedikation musste bezahlt werden.
In keiner Weise wurden die im September 2024 als korrekt festgestellten Daten angezweifelt.
Der Grund für die Rücknahme liegt also in der Überqualifikation der HomöopathInnen, die eben diese zusätzliche medizinische Ausbildung absolviert haben und die Methode beherrschen.
Und jetzt nach intensiver Überarbeitung und neuerlichem Review im September 2026 in einem seriösen Journal publiziert:
Frass M, Lechleitner P, Gründling C, Gaertner K, Duscheck C, Muchitsch I, Manchanda RK, Burghuber OC. Improved quality of life and prolonged survival with add-on homeopathic treatment in patients with non-small cell lung cancer: a prospective, randomized, placebo-controlled, double-blind, three-arm, multicenter study. Support Care Cancer. 2026 Sep 10;34(10):952. doi: 10.1007/s00520-026-11154-3. PMID: 42720799; PMCID: PMC13562290.
Die ÄKH hat in einem früheren Beitrag über den Rückzug der Studie berichtet.
Dazu beschrieb Univ.-Prof. Dr. Michael im einem Webinar vom 18. November 2025 seine bisherigen Studien und nahm auch Stellung zum neuerlichen Rückzug der Studie „Homeopathic Treatment as an Add-On Therapy May Improve Quality of Life and Prolong Survival in Patients with Non-Small Cell Lung Cancer: A Prospective, Randomized, Placebo-Controlled, Double-Blind, Three-Arm, Multicenter Study“ durch den Oncologist im Oktober 2025.
Das Webinar richtete sich vor allem an Ärztinnen, ist jedoch auch für interessierte Laien gut verständlich. Organisiert von der ÄKH, moderiert von Dr. Christoph Abermann.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei unserem Vizepräsidenten Univ.-Prof. Dr. Michael Frass für die Möglichkeit, die Aufzeichnung kostenlos zur Verfügung stellen zu dürfen.
Vorstellung Univ.-Prof. Dr. Michael Frass:
Univ.-Prof. Dr. Michael Frass war 15 Jahre lang Leiter der Spezialambulanz „Homöopathie bei malignen Erkrankungen“ an der Medizinischen Universität Wien, Klinik Innere Medizin I, Abteilung für Onkologie. Davor war er 12 Jahre lang Leiter der Internistischen Intensivstation derselben Klinik und hat unter anderem den österreichischen Bundespräsidenten Dr. Thomas Klestil in den Jahren 1996/1997 intensivmedizinisch erfolgreich behandelt. Er ist Vizepräsident der „Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie“, Vizepräsident des „Österreichischen Dachverbandes für ärztliche Ganzheitsmedizin“, sowie 1. Vorsitzender der „Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie“ (WissHom). Prof. Frass ist Erfinder eines Notfalltubus (Combitube®) zur Sicherung der Atemwege und zur Beatmung im Notfall, das als erstes alternatives Atemwegsgerät als Klasse IIa-Gerät in die Textbücher und Richtlinien der American Heart Association (AHA) sowie der American Society of Anesthesiologists (ASA) aufgenommen worden ist. Er ist Verfasser einer großen Zahl wissenschaftlicher Artikel sowie Herausgeber der Bücher „Homöopathie in der Intensiv- und Notfallmedizin“ und „Integrative Medizin“: Evidenzbasierte komplementärmedizinische Methoden, umfangreiches Handbuch zu Grundlagen und Methoden der Integrativen Medizin, Springer Verlag. Von 1994 bis 1998 war er Ärztlicher Leiter des Elternheims der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (Maimonideszentrum).